Sunday, March 03, 2013 – 651 views
— by faase
Seit vor wenigen Tagen der Freemium-Tier der ADN Accounts freigeschaltet wurde, kann man in schönster Regelmäßigkeit folgendes Schauspiel beobachten: Nachdem man den potentiellen ADN-Usern auf Twitter den Invite-Code zugesandt hat, erfolgt eine Anmeldung und ein erster Post. Wissbegierig wird nach einem Client gefragt, dann wird ein paar von Twitter bekannten Accounts gefolgt und dann … und dann passiert gar nichts. Zwei bis drei Tage später kommt dann entweder auf ADN oder auf Twitter die Mitteilung, dass da ja gar nichts los wäre auf ADN und man es deshalb auch gleich wieder sein lassen könne. Verdammt, was läuft da falsch? Es ist ja schön und gut, wenn ADN auf diese Weise einen Schub frisches Blut bekommt, aber wenn die ganzen neu angemeldeten User kaum ein halbes Dutzend Posts verfassen, bevor sie sich wieder zurück ziehen, dann hat das Netzwerk nichts gewonnen.
Im Prinzip ist völlig klar, was da passiert. Die Neuankömmlinge folgen erstmal so circa 10 bis 20 Accounts und warten ab. Das Problem ist, dass von den 10 bis 20 Accounts, locker die Hälfte genau das Gleiche macht wie die Neuankömmlinge selbst - abwarten. Als käme man in eine Arztpraxis, meldet sich an, sagt kurz Hallo und setzt sich dann hin. Hat schon mal jemand eine spannende Konversationen in einem Arzt-Wartezimmer geführt?
Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen den Freemium Accounts und den gut 30.000 zahlenden Usern, die zu ADN gestossen sind, als es noch nicht kostenfrei möglich war. Die zahlenden Kunden haben sich bewusst dafür entschienden, das Netzwerk bei der Entstehung begleiten zu wollen. Ich bin für sowas offensichtlich begeisterungsfähig. Man testet sich an die Möglichkeiten heran, probiert unzählige Clients durch, freut sich über jedes noch so kleine Feature, das unangekündig freigeschaltet wird. Mir war absolut klar, dass der Traffic anfangs nicht so hoch sein würde. Im Gegenteil, ich war überrascht, als ich schon nach kurzer Zeit die 30, die 50, dann die 70 Follower Zahl überschritten habe. Ich hätte nicht gedacht, dass schon im November mein Client beim Öffenen am Morgen eine dreistellige Zahl von neuen Posts anzeigen würde. Und ich war damit höchst zufrieden. ADN hatte mehr geliefert, als ich es mir erhofft hatte.
Nun, bei den neuen Usern ist das anders. Viele kommen bereits mit großer Skepsis zu ADN. Während wir, aus Sorge vor bevorstehenden "Ass-Moves" seitens Twitter aktiv nach einer Alternative gesucht haben, wissen viele Freemium-Kunden von Beginn an nicht, was sie hier eigentlich sollen. Es ist halt ein neues Netzwerk, obendrein sieht es so aus wie Twitter, was soll da dran besonders sein?
Es gab zwei Gründe, die mich zu einem ADN-Early Adopter gemacht haben.
Ich habe die Entwicklungen bei Twitter in den letzten Monaten verfolgt. Und was ich da gesehen habe gefällt mir nicht. Ganz nüchtern betrachtet, hat Twitter das gleiche Problem wie 10.000 andere Internet-Start-ups zuvor. Sie hatten eine Idee und haben diese Idee rudimentär umgesetzt. Anschließend fand sich eine begeisterungsfähige Horde von Tech-Nerds, die den Service nicht nur angenommen, sondern mit der Entwicklung von 3rd Party Clients entscheidend zum Ausbau des Service beigetragen hat. Twitter bekam Traktion und damit irgendwann dann auch die Aufmerksamkeit der Risikokapitalgeber. Mit dem Geld konnte man den Service weiter ausbauen und weiter wachsen und alles ist schön. Bis auf die Tatsache, dass das Risikokapital irgendwann aufgebraucht ist. Kein Problem, wenn der Service gut angelaufen ist, gibt's eben noch eine zweite Kapitalrunde - aber auch dieses Geld ist in absehbarer Zeit alle. Twitter kostet Geld - und zwar nicht wenig. Die Infrastruktur, um aberwitzige-Millionen User aberwitzige-Milliarden Nachrichten schreiben zu lassen, ist teuer und andauernd wartungsbedürftig. Aber vor allem teuer. Dieses Geld muss irgendwann und irgendwie verdient werden. Es gibt nun drei Wege, dieses Geld rein zu holen: Man könnte Geld von den Nutzern des Service verlangen. Abwegig, das Internet muss doch kostenlos sein, nicht wahr? Oder man läßt sich von einem der Riesenkonzerne kaufen, welche das Geld für Twitter aus der Portokasse zahlen. Das will Twitter nicht. Bleibt die letzte Alternative: Man verkauft das wertvollste Kapital, dass ein soziales Netzwerk besitz - die User - an die Werbeindustrie. Das will ich nicht. Dilemma.
Der zweite Grund für meine Begeisterung für ADN ist deutlich banaler: Ich habe die frühen Tage von Twitter verpasst. Meinen Twitter Account habe ich im Juli 2009 eröffnet, da war der spannendste Teil der Erschaffung dieses Netzwerkes schon vorbei. Es macht mir schlicht und ergreifend Spaß, dieses Projekt zu begleiten. That's it. ADN ist neu, voller Möglichkeiten - und wer weiß, was daraus entstehen kann. Manche Dinge sind tatsächlich so einfach.
Es gibt, über die beiden genannten Punkte hinweg, noch einen dritten Punkt, der dafür sorgt, dass ich bei der Stange bleibe. Der aktuelle Kernbereich von ADN, der Microblogging-Dienst Alpha, ist schlichtweg konzeptbedingt richtig gut. Erstaunlich: ein ADN-Post hat nur läppische 116 Zeichen mehr als ein Tweet. Aber diese 116 Zeichen machen einen gigantischen Unterschied. Man ist im Gegensatz zu Twitter in der Lage, einen halbwegs komplexen Satz vollständig auszuformulieren. Man kann einen Gedanken zuende schreiben, ohne ihn x-mal abändern zu müssen, weil er partout nicht in die 140 Zeichen passen will. Man kann den Gedanken ausschreiben, ohne zwei Posts dafür verwenden zu müssen. Diese "nur" 116 Zeichen mehr, ermöglichen eine Diskussionskultur, wie sie auf Twitter schlicht nicht möglich ist.
Um jetzt wieder den Bogen zu den Neu-Usern zu schlagen: Werbung nervt die meisten Menschen nicht. Wie sich ein Dienst finanziert ist der breiten Masse egal. Die Plattform soll funktionieren und es darf nichts kosten, der Rest interessiert nicht. Die technische Seite interessiert auch die Wenigsten. Hey, wir bauen hier ein neues Netzwerk auf, dass vom Konzept her fast schon revolutionär ist. Who cares? Auch hier kann man bei den meisten Neu-Usern keine Punkte sammeln.
Die letzte Trumpfkarte ist die ADN-Diskussionskultur. Während die technische und wirtschaftliche Seite kaum von Belang ist, kann man doch aber bestimmt mit der Aussicht auf inhaltliche Posts abseits von LOL, ROFL und FTW punkten? Nein, denn dazu bräuchten die Neuankömmlinge zu allererst einen vollwertigen Account und den Eigenantrieb, sich die interessanten Leute auf dem neuen Netzwerk zu suchen. Statt dessen folgen sie den altbekannten Leuten, denen sie auch auf Twitter folgen, und warten darauf, dass irgendwas passiert. Kann nicht funktionieren.
Das Wachstum von ADN wird weiter nur sehr langsam von statten gehen. Das muss aber in meinen Augen nichts schlechtes sein. Die Zahl der aktiven Nutzer im deutschen Raum ist zur Zeit groß genug, um die Konversation nicht einschlafen zu lassen. Wir brauchen keine tausend neuen User pro Tag, um den Service am Leben zu erhalten. Statt dessen brauchen wir eine funktionierende Community, die das ADN-Netzwerk weiter behutsam aufbaut. Indem sie Apps schreibt, indem sie Apps nutzt und den Dienst mit Leben füllt. Dafür braucht man keine Millionen User, nur ein paar Zehntausend, die mit ihren Beiträgen den Dienst finanzieren und endlich den Beweis antreten, dass soziale Netzwerke auch ohne Werbung dauerhaft funktionieren können. Ich hoffe es zumindest.
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